„Wie perfekt müssen Chefs sein?“

Peter Wäch von „Handel Heute“ im Gespräch mit Dr. Dr. Cay von Fournier (Teil 1)

Gab es Kritik zu Ihrem Buchtitel „Der perfekte Chef“? Im Zeitalter der Emanzipation und mit der Tatsache, dass es immer mehr Chefinnen gibt, könnten sich ja einige Leute betupft fühlen.

Cay von Fournier InterviewCay von Fournier: Natürlich lässt sich ein Buch nicht komplett in beiden Formen – Chef und Chefin – schreiben. Ich habe dieses Buch allerdings nicht nur allen „perfekten“ Chefs, sondern vor allem den Frauen in Führungspositionen  gewidmet, denn sie werden die Wirtschaft im 21. Jahrhundert revolutionieren.

Bleiben wir kurz bei dem Fakt, dass auch zusehends Frauen in Chefpositionen anzutreffen sind. Sind Frauen die perfekteren Chefs? Immerhin reden Sie in Ihrem Buch auch von Verständnis, Intuition und Empathie, die ein Chef in Zukunft mitbringen sollte – an sich typische weibliche Eigenschaften.

Cay von Fournier: Das Thema Führung muss immer ein ganzheitliches Thema sein und gelingt besonders gut, wenn Männer und Frauen zusammen wirken, ihre jeweiligen Stärken einbringen und sich gegenseitig unterstützen. Frauen sind heute schon wesentlich selbstbewusster als Männer – nur zeigen sie es noch nicht. So haben wir Männer noch etwas Zeit, uns daran zu gewöhnen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir unsere Zukunft wesentlich besser meistern können, wenn auch mehr Frauen in Führungspositionen zu finden sind – sie müssen und werden mehr Macht erhalten. 

Sie sagen, dass die Führung eines Betriebs längst nicht so einfach ist, wie das Management. Worin besteht der konkrete Unterschied und warum vertreten Sie diese These? (Stichwort: Zuviel Management, zuwenig Führung)

Cay von Fournier: Führung ist etwas ganz anderes als Management. Beide Worte werden leider viel zu häufig verwechselt, ebenso wie die Inhalte. Management ist eine Technik, sie basiert auf Zahlen und Messungen und beinhaltet viel Wissen. Management basiert auf Kompetenzen. Management ist ökono-misches Denken. Was dient dem finanziellen Wohlergehen des Unternehmens? Was dient meinem finanziellen Wohlergehen? Alles das sind gute und richtige Fragen. Viele Managementsysteme (und auch der größte Teil der Betriebswirtschaft) sind auf diese Fragen ausgerichtet. Dies ist auch nicht falsch, nur unvollständig. Denn da gibt es ja noch die Führung. Bei Führung geht es um die Frage der Gestaltung von Strategien und Prozessen mit anderen Menschen. Führung interessiert sich für Menschen. Führung fordert Leistung, bietet aber auch Sinn an. Führung basiert auf Charakter. Führung ist ethisches Denken. Was nützt den Menschen? Was ist sinnvoll? Was ist das richtige Maß? Das sind Fragen der Führung.

Zitat: Persönlichkeit und Charakter sind ebenso wenig ein Synonym wie Management und Führung. Warum wird das in unserer Gesellschaft aber immer wieder gerne verwechselt?

Cay von Fournier InterviewCay von Fournier: Die Begriffe werden häufig verwechselt, weil die Inhalte sehr nah beieinander liegen. Vielleicht hilft dieser Ansatz zur  Unterscheidung: Persönlichkeit ist die Summe der inneren Eigenschaften einer Person sowie deren Werte, wie z. B. Authentizität, Ehrlichkeit und Sich-treu-bleiben. Der Charakter beschreibt darauf aufbauend die Standfestigkeit dieser Haltungen, wie der Einzelne die Eigenschaften und Werte also auch tatsächlich lebt. Persönlichkeit umfasst den Charakter und die Kompetenz im Hinblick auf menschliches Handeln. 

Unterschiede sind Stärken, nicht Schwächen. Wie bringt man das einem Chef bei, der strikt nach der Corporate Identity lebt? 

Cay von Fournier: Gute Chefs leben nach dem Motto: Sei mutig anders als andere! Und das sollte nicht nur für das gesamte Unternehmen im Hinblick auf den Markt gelten, sondern auch für die Mitarbeiter. Corporate Identity stellt den Rahmen dar, der für ein gemeinsames Erscheinungsbild nach außen hin wichtig ist, mindestens ebenso wichtig ist es allerdings, die individuellen Stärken jedes einzelnen Mitarbeiters zu erkennen und richtig einzusetzen.

Die Aufgabe eines Chefs, so schreiben Sie, besteht auch darin, Talente zu entdecken, zu fördern und zu motivieren. Meist werden ja solche Aufgaben an entsprechende Abteilungsleiter delegiert, da der Terminkalender eines erfolgreichen Chefs keine Zeit mehr offen lässt. Inwiefern ist eine sinnvolle Aufgabenverteilung ein Thema?

Cay von Fournier: Natürlich kann auch der „perfekte“ Chef nicht alle Aufgaben alleine erledigen und genau dazu benötigt er die von Ihnen beschriebene Fähigkeit, Talente zu entdecken, zu fördern und zu motivieren. Schließlich liegt es an ihm, den „perfekten“ Personalchef auszuwählen, der dann für benötigte Aufgaben ebensolche Talente entdecken kann. Und der „perfekte“ Abteilungsleiter wird diese Mitarbeiter in eben diesem Geist fördern. Der „perfekte“ Chef zieht also in allen Bereichen des Unternehmens weitere „perfekte“ Chefs groß.

In den Chefetagen und somit auch in den Firmen werden Ihrer Meinung nach zu oft Symptome behandelt, die Ursachen werden ausgeklammert. Woran liegt das? Und können Sie uns ein Beispiel nennen?

Cay von Fournier: Ein Unternehmen ist ein System, das sich aus vielen einzelnen Bestandteilen zusammensetzt. Dieses System können wir mit dem Organismus des menschlichen Körpers vergleichen. Der Unterschied ist, dass der menschliche Körper ein natürliches und das Unternehmen ein virtuelles System ist. Bei natürlichen Systemen akzeptieren wir so genannte Naturgesetz-mäßigkeiten. Wir kommen gar nicht auf die Idee, diese Gesetzmäßigkeiten zu brechen, weil wir wissen, was dann passiert. Bezogen auf unseren Körper, kämen wir nicht auf die Idee ein Organ einfach so rauszuschmeißen oder „abzuteilen“. Großer Schaden oder gar der Tod wären die Folge. Bei Unternehmen sprechen wir noch heute von so genannten „Abteilungen“ - dies ist nur ein Beispiel von vielen, wo der Organismus Unternehmen von dem Organismus Mensch lernen kann.

Als Lösungsmuster schlagen Sie u. a. Bewusstsein, Methode und Technik vor. Wie wird sich ein Chef überhaupt bewusst, dass man den Ursachen nicht auf den Grund geht?

Cay von Fournier InterviewCay von Fournier: Einer der größten Fehler im Mittelstand ist das tägliche Durchwurschteln. Die meisten Mittelständler sind sehr fleißig, oftmals jedoch erfolglos. Fleiß allein führt nicht automatisch zum Erfolg. Dies mag früher der Fall oder in Zeiten der großen Konjunktur so gewesen sein. Heute reicht Fleiß allein nicht aus (er ist notwendig für den Erfolg, aber leider nicht hinreichend). Solch fleißig erfolglose Unternehmer stürzen sich jeden Tag wieder aufs Neue in den Alltag und versuchen, der Flut an Arbeit Herr zu werden. Dabei werden unter Zeitdruck oder mit zu wenig Übersicht und oft aus dem Bauch heraus, Entscheidungen getroffen, die bei näherer Betrachtung nie hätten getroffen werden dürfen. So fällt der schwer erwirtschaftete Gewinn schnell diesen Fehlentscheidungen und somit der operativen Hektik zum Opfer. Aber es sind nicht nur die Fehlentscheidungen, die Probleme bereiten; oft werden auch  Chancen und Veränderungen auf dem Markt nicht rechtzeitig wahrgenommen. Nicht zuletzt verhindert dieses Durchwurschteln, dass man sich Klarheit über anstehende wichtigere und wesentlichere Aufgaben und Entscheidungen verschafft. Ein guter Unternehmer zeichnet sich dadurch aus, dass er mehr am Unternehmen, als im Unternehmen arbeitet.

Für unser Jahrhundert proklamieren Sie ganz klar mehr Kreativität, Herzlichkeit, Kooperation und Engagement. Unsere Wirtschaft funktioniert aber immer noch nach dem Prinzip des Wettbewerbs und somit nach der Regel: Der Stärkere und nicht zuletzt auch der Schnellere ist der Bessere. Wie bringen Sie angehenden Managern und künftigen Chefs bei, dass es mit den weitläufig immer noch verpönten Werten wie Herzlichkeit und Empathie am Ende gar besser geht?

Cay von Fournier: Natürlich leben wir in einer Welt, in der  Leistungswille und Ehrgeiz wichtig und für den Erfolg auch eine Grundvoraussetzung sind. Davor können und wollen wir die Augen nicht verschließen. Allerdings kann dieser Erfolg gerade langfristig nur aufrechterhalten werden, wenn der Leistungswille auf Grundlage einer Wertehaltung mit einer gesunden Portion Menschlichkeit und Anstand einhergeht.  

 

 
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